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Aufruf gegen Pflichtfach LER

Die Koalition von SPD und PDS im Berliner Senat will ein Pflichtfach "Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde" für alle Schülerinnen und Schüler einführen. Damit würde dem - in Berlin von den Kirchen erteilten - Religionsunterricht die Grundlage entzogen.
Wir veröffentlichen dazu einen Aufruf von Bischof Dr. Wolfgang Huber:


Sehr geehrte Damen und Herren,

114.000 Schülerinnen und Schüler besuchen den evangelischen und katholischen Religionsunterricht in Berlin. Die regierenden Parteien wollen dies in Zukunft verhindern. Der Religionsunterricht soll ein für alle mal aus der Schule verbannt werden.

Wie soll dies geschehen? Man möchte verpflichtend einen einzigen staatlichen Werteunterricht einführen. Daneben soll kein Platz für Alternativen bleiben. Die Religionsfreiheit in der Schule, die sich in der Wahlfreiheit von Lehrangeboten widerspiegelt, wird abgeschafft. Der Staat selbst etabliert sich als Wertevermittler. Dies ist mit Blick auf die deutsche Vergangenheit ein gefährliches und verantwortungsloses Vorgehen. Während die SPD diese Vorhaben auf einem "Bildungsparteitag" im April verabschieden möchte, ist es für die PDS bereits beschlossene Sache.

Gegen diese bildungspolitische Verdrängung des Christentums aus der Schule erheben wir als Kirche unsere Stimme. Wir lassen es nicht zu, dass sich ein Staat, der zur religiösen Neutralität verpflichtet ist, selbst zum Wertemonopolisten erhebt.

Als Kirche brauchen wir jetzt Ihre Unterstützung! Es geht um viel. Es geht um die Zukunft unserer Kinder. Ich bitte Sie daher eindringlich, den angefügten Aufruf mit Ihrer Unterschrift zu unterstützen.

Ich bitte Sie, dass Sie sich unser Anliegen zu eigen machen. Weisen Sie Menschen Ihres Vertrauens auf unser Anliegen hin. Jede öffentliche Äußerung zu dem angesprochenen Thema ist derzeit von großem Gewicht.

Ihr
Bischof Dr. Wolfgang Huber
Berlin, den 22. März 2005


Der Aufruf der Evangelischen Kirche, des Erzbistums und der Jüdischen Gemeinde im Wortlaut:

"Berliner Bildungspolitik vor entscheidender Weichenstellung
Schülerinnen und Schüler müssen bei Werteunterricht zwischen verschiedenen gleichwertigen Angeboten wählen können

Schülerinnen und Schüler brauchen Kenntnisse über Ethik, Philosophie und Religion. Wer sich in einer pluralen und globalisierten Welt orientieren will, braucht verlässliche Wertmaßstäbe. Religion ist eine eigenständige Dimension menschlichen Lebens. Schülerinnen und Schüler haben ein Grundrecht auf Religionsfreiheit; dazu gehört, dass sie lernen, von dieser Religionsfreiheit Gebrauch zu machen. Religiöse Kompetenz kann vor Fundamentalismus und Fanatismus schützen. Sie gehört zu einer umfassenden Bildung. Eine von Kenntnis getragene inhaltliche Auseinandersetzung mit Religionen und Weltanschauungen ist die Voraussetzung für Dialog und Toleranz. Die Einführung von verbindlichen Unterrichtsangeboten ist in Berlin dringend geboten.

Die Grenzen eines staatlichen Bildungsmonopols sind in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts deutlich geworden. Deshalb garantiert das Grundgesetz den Religionsgemeinschaften, den Inhalt ihres Glaubens und seiner Wertorientierung in der öffentlichen Schule zu vermitteln.

Allein die Möglichkeit für alle Lernenden, zwischen Ethik/Philosophie und Religionsunterricht zu wählen, verhindert eine ideologische Engführung, die mit nur einem vom Staat verordneten Fach in diesem Bereich gegeben wäre.

Wir fordern von den politisch Verantwortlichen, eine Fächergruppe Ethik/Philosophie und Religionsunterricht einzuführen. Nur eine Fächergruppe und die mit ihr verbundenen Wahl- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Fächern werden dem Grundrecht auf Religionsfreiheit und dem Auftrag der öffentlichen Schule gerecht, Kenntnisse und Orientierung in diesem Feld zu ermöglichen. Auf diese Weise können auch in der Schule Begegnung und Toleranz zwischen Religionen und Weltanschauungen gefördert und eingeübt werden.

Dieser Aufruf wird von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, dem Erzbistum Berlin und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin getragen."

10.04.2005              

Berliner SPD beschließt Einführung von Pflichtfach LER


Die Berliner SPD hat auf ihrem Landesparteitag am 9. April die Einführung eines verbindlichen konfessionsfreien Pflichtfachs zur Wertevermittlung für alle Schüler beschlossen. Eine große Mehrheit der Delegierten votierte für ein solches Pflichtfach. Es soll Schüler mit unterschiedlichen Weltreligionen und Weltanschauungen vertraut machen. Während der Werteunterricht verpflichtend sein soll, bleibt das Fach Religion freiwillig. Bereits ab dem im Sommer 2006 beginnenden nächsten Schuljahr soll das Fach nach dem Willen der Sozialdemokraten unterrichtet werden.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse warnte auf dem Parteitag die Berliner SPD: "Unsere Verfassung verbietet, dass sich der Staat eine Wertebevormundung anmaßt." Für die Wertevermittlung brauche er verlässliche Partner wie die Kirchen. Thierse sagte auch, dass auch die DDR die Kirchen aus den Schulen gedrängt habe. "Die Christen haben das nicht vergessen." Der Regierende Bürgermeister Wowereit antwortete: "Wertevermittlung ist nicht nur eine Aufgabe der Kirchen. Es ist auch eine wichtige Aufgabe des Staates."

Vor dem SPD-Parteitag demonstrierten rund 1000 Lehrer, Schüler und Kirchenvertreter. Sie warnten den Senat vor einem "Staatseinheitsfach", das sehr an DDR-Zeiten erinnere.

Der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber äußerte im Rundfunk Berlin-Brandenburg die Befürchtung, dass mit der Einführung des neuen Pflichtfachs bisherige Teilnehmer am Religionsunterricht abspringen und der Religionsunterricht auf diese Weise "ausgetrocknet" würde. Ein Sprecher der evangelischen Landeskirche kündigte an, den Widerstand gegen die Pläne der Berliner SPD fortzusetzen und für einen gleichberechtigten Religionsunterricht einzutreten. (siehe Aufruf)

Die Ministerpräsidenten Bayerns, Hessens und Thüringens kritisierten den Berliner Beschluss und sprachen sich für den Religionsunterricht an deutschen Schulen aus.

Der Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der CDU/CSU-Fraktion, Dr. Hermann Kues, MdB erklärte bereits vor dem Parteitag:
Die Einführung eines verpflichtenden Werteunterrichts bzw. des Schulfachs „interkulturelle Bildung“ an den Berliner Schulen, ohne zu gewährleisten, dass es konfessionellen Religionsunterricht als gleichberechtigtes Wahlpflichtfach gibt, erinnert - wie Georg Kardinal Sterzinsky und Bischof Wolfgang Huber zu Recht sagen - an unselige DDR-Zeiten. Es werden damit grundlegende Prinzipien unserer pluralen Gesellschaft angegriffen:
1) Der Elternwille und das Gebot der freien Wahl eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichtes werden missachtet. Wohin staatlich-ideologische Bildungsmonopole führen, haben wir in unserer Geschichte schmerzhaft erleben können.
2) Religionsfreiheit als eines der vornehmsten Menschenrechte, an denen sich ein Staat messen lassen muss, wird so nicht gewährleistet. Religion muss einen festen Platz an deutschen Schulen haben, um in einer pluralen globalisierten Welt Orientierung zu ermöglichen.
3) Toleranz setzt zunächst die Selbstvergewisserung des eigenen Standpunktes voraus. Religion, Kultur und Lebensweise in einem vermeintlich neutralen vergleichenden Unterrichtsfach zu einem Kuriosititätenkabinett zusammen zu pferchen, erzeugt keine Toleranz, sondern fördert Orientierungslosigkeit.


13.04.2005              

Religionspolitik des Berliner Senats und Grundgesetz


Pressemitteilung CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Rede in der Aktuellen Stunde des Deutschen Bundestages am 13.4.2005 von Dr. Hermann Kues MdB

Die Absicht des Berliner Senats, getragen von SPD und PDS, ab dem Schuljahr 2006 den ohnehin freiwilligen Religionsunterricht der Kirchen und Religionsgemeinschaften abzudrängen und faktisch zu ersetzen durch eine staatlich organisierte Wertevermittlung, ist für die Union ein Anschlag auf die Bekenntnis- und Gewissensfreiheit in unserem Lande.

Das geht weit über die Berliner Landespolitik hinaus.
Es ist eine Kampfansage an den Grundkonsens unserer pluralen Gesellschaft, wenn z.B. Schülerinnen und Schüler, die religiös gebunden sind, keine Chance haben, sich vom staatlich verordneten Werteunterricht abzumelden.

Nach unserem Verständnis muss der Staat Freiheiten garantieren und darf sich nicht anmaßen, Werte zu normieren. Religionsfreiheit ist eines der vornehmsten Menschenrechte. Die Legitimation des Religionsunterrichtes im geltenden Verfassungsrecht folgt aus der Verpflichtung des freiheitlich demokratischen Staates. Wegen der weltanschaulichen Neutralität des Staats und seiner Verantwortung für das Schulwesen hat er dafür zu sorgen, dass religiöse Bezüge als Erfahrungsgut der Schülerinnen und Schüler nicht ausgeblendet werden, sondern in das auf ganzheitliche Persönlichkeitsbildung ausgerichtete Unterrichtsprogramm fachlich einbezogen werden.

Lassen Sie mich Bischof Wolfgang Huber zitieren: „seelenlose ‚Religionskunde’ kann den Religionsunterricht nicht ersetzen. Man braucht ein eigenes Verhältnis zu Gott, zur Nächstenliebe und gelebtem Glauben, wenn man andere darin unterrichten will. Es gehört nicht zu den Aufgaben des Staates, das Christentum aus unseren Schulen zu verdrängen. Das verletzt die Pflicht des Staates zu religiöser Neutralität. Es widerspricht auch dem demokratischen Miteinander.“

In einer Erklärung des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken heißt es: „Wir möchten, dass in unserem Land die Menschen auch künftig die Frage nach dem Sinn ihres Tuns und Lebens, nach unserer Zukunft und nach Gott stellen und dass sie christlich-religiöse Antworten darauf kennen und eine religiöse Identität entwickeln können“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ich sage Ihnen ganz offen, das was sich hier in Berlin abspielt, riecht nach DDR. Bei der PDS wundert es mich nicht. Nur, dass 77 % der Berliner SPD auf dem Landesparteitag sich diesem religionsfeindlichen Geist, der dahinter steckt, anschließen, das macht mich auch im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit fassungslos. Das ist ein gefährlicher und verantwortungsloser Irrweg!

Es werden jetzt kräftig Nebelkerzen geworfen. Auch wenn ich das Engagement des stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden Wolfgang Thierse ausdrücklich anerkenne, wird deutlich, dass seine Meinung eine Minderheitenposition darstellt. Herr Müntefering sagt, Kulturpolitik sei Sache der Länder, tiefer gehende Zusammenhänge versucht er auszublenden. Der Höhepunkt ist der Regierende Bürgermeister Wowereit, der mit vielen Worten erklärt, dass sich eigentlich doch gar nichts ändere. Wie schrieb heute eine Zeitung: das ist entweder Ignoranz oder Dummheit.

Es lohnt sich deshalb, einen Blick auf das Umfeld dieser Entscheidung zu werfen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller geht davon aus, dass künftig die Zuschüsse, die ohnehin in den letzten Jahren für den Religionsunterricht erheblich gekürzt wurden, weiter gekürzt werden können, da voraussichtlich künftig weniger Schülerinnen und Schüler daran teilnehmen werden (FAZ v. 6.4.05).

Die Lehrerin Monika Buttgereit, SPD-Landesvorstandsmitglied und Mitglied des Abgeordnetenhauses bemerkt öffentlich: ich möchte den Katholiken nicht absprechen, dass sie auch Werte haben… aber das sind nicht die Werte, die ich mit Schülern diskutiert haben will“ (Spiegel, 11.4.05).

Das ist eine deutliche Kampfansage! Auffällig sind auch die weitreichenden Kontakte des rot-roten Senats zum atheistisch-humanistischen Verband, der zwar nur 3.000 Mitglieder in Berlin hat, also so viel wie eine durchschnittliche Kirchengemeinde, der aber außergewöhnlich großzügig vom Senat gefördert wird. 54.000 € aus Beiträgen und Spenden, also selbst erwirtschaftet, stehen Zuschüsse aus Landesmitteln pro Jahr in Höhe von 582.000 € gegenüber. Der Verband beschäftigt sich bereits jetzt damit mit Hilfe runder Tische die Entwicklung eines Konzeptes für das Fach LER in Berlin zu begleiten.

Ist es reiner Zufall, dass es enge personelle Verflechtungen gibt? Kultursenator Thomas Flierl, im Senat zuständig für Kirchen und Religionsgemeinschaften, ist ebenso Mitglied wie die stellvertretende Vorsitzende der PDS-Fraktion.

Toleranz setzt zunächst die Selbstvergewisserung des eigenen Standpunktes voraus. Religion, Kultur und Lebensweise in einem vermeintlichen neutralen Unterrichtsfach zusammen zu pferchen, erzeugt keine Toleranz, sondern fördert Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit.

Die Kirchen und die jüdische Gemeinde haben unsere volle Unterstützung im Einsatz für das Fach Religion als Wahlpflichtfach.
13.04.2005              

Bundeskanzler gegen Berliner SPD-Beschluss zum Werteunterricht


Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat sich in die Diskussion um den Beschluss der Berliner SPD, einen verbindlichen Werteunterricht einzuführen, eingeschaltet. Bei einer Familienkonferenz in Berlin plädierte er dafür, das Fach Religionsunterricht als gleichberechtigte Wahlmöglichkeit neben dem geplanten Werteunterricht zu etablieren.
Schröder sagte, er stimme - "auch wenn das den einen oder anderen stört" - ausdrücklich dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, zu. Der Kanzler betonte, er sei dafür, "dass Kinder und Jugendliche entweder ihre eigene Religion bekenntnisgestützt kennen lernen oder sich neutral über Werte und Religionen informierten können."

Die baden-württembergische SPD-Vorsitzende Ute Vogt lehnt das Berliner Modell ebenfalls ab. Diese Regelung käme im Südwesten nicht in Frage.


21.06.2005              

PDS: RU als ordentliches Lehrfach nicht mehr zeitgemäß


Nach einer Meldung der "Berliner Zeitung" denkt der Landes- und Fraktionsvorsitzende der Berliner PDS, Stefan Liebich, schon an den Wahlkampf für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im kommenden Jahr.
In diesem Wahlkampf soll auch der Streit um den Religionsunterricht eine wichtige Rolle spielen. Die PDS will - ebenso wie die Berliner SPD - einen Werteunterricht einzuführen, an dem alle Schüler teilnehmen müssen. Religionsunterricht soll nur als freiwilliges, zusätzliches Angebot an den Schulen zugelassen werden.
Der Berliner PDS-Chef will das Thema Religionsunterricht im Wahlkampf aber auch ganz grundsätzlich diskutieren. "Wir müssen uns fragen, ob das Grundgesetz, in dem steht, Religion ist ein ordentliches Lehrfach, noch zeitgemäß ist", so Liebich.

In einer großen Zeitungsanzeige, die am Samstag im "Tagesspiegel" erschien, fordern zahlreiche Prominente, dass Berliner Schüler zwischen dem geplanten Werteunterricht und einem konfessionellen Religionsunterricht wählen können.
Der Aufruf wurde unter anderen von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU), Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos), der Bundespräsidenten-Gattin Eva-Luise Köhler, dem Schauspieler Ulrich Noethen und BDI-Präsident Jürgen Thumann unterzeichnet.
In dem Aufruf heißt es: "Schülerinnen und Schüler haben ein Grundrecht auf Religionsfreiheit." Dem werde die Schule aber nur gerecht, wenn sie eine Wahlmöglichkeit zwischen Ethik- und Religionsunterricht bietet.

12.05.2005              

Mehrheit der Berliner lehnt Werteunterricht ab


Die Mehrheit der Berliner lehnt den vom Senat geplanten Pflicht-Werteunterricht ab.
60 % fänden es besser, wenn die Schüler stattdessen zwischen Religionsunterricht und einem konfessionsfreien Wertefach wählen müssten, ergab eine neue Emnid-Umfrage im Auftrag der Berliner Morgenpost. Das Vorhaben der SPD/PDS-Koalition unterstützten nur 37 %. Noch vor einem Monat hatte das anders ausgesehen. Damals hatten bei einer Umfrage 86 Prozent der Hauptstädter für ein Pflichtfach plädiert, das von Kindern aller Konfessionen besucht wird.
Etwa 15.000 Bürger hätten nach Angaben der Zeitung bereits einen Aufruf der Kirchen für eine Fächergruppe Ethik/Philosophie und Religion unterzeichnet. Unter ihnen seien CDU-Chefin Angela Merkel, Kulturstaatsministerin Christina Weiss und die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.
Quelle: Radio Vatikan

Im Streit um den geplanten staatlichen Werteunterricht lehnt es das Erzbistum ab, sich an der inhaltlichen Gestaltung des neuen Faches zu beteiligen.
Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will die Möglichkeit einer Mitarbeit noch offen lassen. In einem Antwortschreiben an Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat Bischof Wolfgang Huber, der den geplanten Werteunterricht ablehnt, ein Grundsatzgespräch zwischen Senat und Kirchen eingefordert. Böger hatte die Kirchen in einem Brief eingeladen, sich an den Planungen für das neue Fach zu beteiligen.

03.06.2005              

55.000 Unterschriften gegen geplanten Werteunterricht in Berlin

Fast 55.000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet haben einen Aufruf der beiden großen Kirchen und der Jüdischen Gemeinde gegen einen einheitlichen und verbindlichen Werteunterricht für alle Berliner Schüler unterzeichnet.
Am 2. Juni zogen die Bischöfe Wolfgang Huber und Georg Kardinal Sterzinsky, begleitet von etwa 1000 Schülern, Eltern und Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, vor das Rote Rathaus, um dem Berliner Senat die Protestliste zu übergeben.
Der eigentliche Adressat, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), fehlte. Er weilte im Abgeordnetenhaus und erklärte dort: "Es ist das gute Recht der Kirchen, in ihrem Unterricht die vorformulierten Zettel auszuteilen und mit den Unterschriften der Eltern wieder einzusammeln." - "Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Kinder zwangsweise in einen bekennenden Religionsunterricht zu schicken."
Bischof Huber zeigte sich, ebenso wie Kardinal Sterzinsky, "überrascht und enttäuscht" über das Fernbleiben Wowereits. Die Unterschriftenliste dokumentiere, daß es ein breites Bündnis über Parteigrenzen hinweg für Religionsunterricht gebe. Neben Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) haben auch die CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel und Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) unterzeichnet.
Der Staat habe kein Monopol auf die Vermittlung von Werten, sagte Huber. Die Unterschriften seien "eine Aufforderung an den Senat, den Weg der Verständigung und nicht der Konfrontation zu gehen".
Quelle diverse Berliner Zeitungen

09.12.2005              

Ehemalige Berliner Bürgermeister für Religionsunterricht


Wie die Berliner "Morgenpost" meldet, setzen sich fünf ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin mit einer Anzeige in mehreren Tageszeitungen dafür ein, an den Berliner Schulen Religionsunterricht als gleichberechtigtes Schulfach zuzulassen. Klaus Schütz, Dietrich Stobbe, Hans-Jochen Vogel (alle SPD) sowie Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen (beide CDU) fordern eine Wahlmöglichkeit für die Schüler zwischen dem kirchlichen Angebot und dem staatlichen Ethikunterricht.

Mit ihrer Initiative, der sich die ehemalige Bürgermeisterin und Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) angeschlossen hat, stellen sich die früheren Regierenden Bürgermeister deutlich gegen den Kurs des heutigen Amtsnachfolgers Klaus Wowereit, der an Stelle eines Religionsunterrichts einen "neutralen Ethikunterricht" befürwortet, wie er auch am 9. April auf einem SPD-Landesparteitag beschlossen worden ist.

In der Anzeige heißt es: "Berlin ist eine freie Stadt des Denkens und des Glaubens... Wer für eine tolerante Stadt einstehen will, braucht die Kenntnis der eigenen wie fremder Religionen." Ein staatliches Monopolfach verletze die Neutralitätspflicht des Staates. "Religionsunterricht vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch Orientierung. Es ist gerade heute unverzichtbar."


22.12.2005              

Berliner Schuldirektoren kritisieren Pflichtfach Ethik


Wie die "taz" meldet drängt der Interessenverbandes Berliner Schulleitungen in einer Stellungnahme auf Änderung der Pläne für das geplante neue Unterrichtsfach Ethik. Der Verband fordert, die Erfahrungen aus dem Modellversuch "Ethik/Philosophie" stärker in den Planungen zu berücksichtigen und kritisiert, dass das neue Fach Ethik nicht zugunsten von Religionsunterricht abgewählt werden kann. Das Fach Ethik soll in Berlin ab dem kommenden Schuljahr eingeführt werden.

24.03.2006               

Berliner Abgeordnetenhaus beschließt Einführung des Pflicht-Ethik-Unterrichts

Berliner Schüler der Klassen 7 bis 10 werden künftig zwei Mal in der Woche verpflichtenden Ethikunterricht haben, denn Berlin führt als erstes Bundesland Ethikunterricht als Pflichtfach ein.
Das neue Fach soll vom kommenden Schuljahr an zunächst in den siebten Klassen gelehrt und dann schrittweise ausgedehnt werden. Die Gesetzesvorlage von SPD und Linkspartei/PDS wurde von den Grünen unterstützt und mit großer Mehrheit im Abgeordnetenhaus verabschiedet.
CDU und FDP lehnten den Entwurf ab. Sie kritisieren wie die beiden großen Kirchen die Entscheidung und fordern Wahlfreiheit zwischen den Fächern Ethik und Religion, d.h. die Möglichkeit für die Schüler, sich zu Gunsten des Religionsunterricht vom Ethikunterricht abzumelden.
Die Evangelische Kirche will jetzt „hausintern“ prüfen, ob das neue Gesetz überhaupt verfassungskonform ist. Das katholische Erzbistum machte klar, dass es nicht für eine Zusammenarbeit mit den Ethiklehrern bereit steht, solange Religion kein gleichberechtigtes Wahlpflichtfach werde. Unterdessen erwarten die Schulen, dass künftig weniger Schüler als bisher am Religionsunterricht teilnehmen werden, weil sie andernfalls zu stark belastet wären.


Zu diesem Beschluß eine Pressemeldung der Berliner CDU:
Fischbach: Religionsunterricht als Wahlpflichtfach notwendig
Zum Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses, auf Kosten des konfessionellen Religionsunterrichts ein Wertepflichtfach einzuführen, erklärt die Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ingrid Fischbach MdB:
Die Einführung eines einheitlichen verpflichtenden Werteunterrichts an den Berliner Schulen, ohne Sicherstellung des konfessionellen Religionsunterrichts als gleichberechtigtes Wahlpflichtfach, zeigt die religionsfeindliche Grundhaltung des Berliner Senats. Nach unserem Verständnis muss der Staat jedoch Freiheiten garantieren und nicht Werte normieren. Der staatlich vorgegebene Wertunterricht wird zur Norm erhoben und führt zur Wertbevormundung.
Es werden damit grundlegende Prinzipien unserer pluralen Gesellschaft angegriffen:
1) Der Elternwille und das Gebot der freien Wahl eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichtes werden missachtet. Wohin staatlich-ideologische Bildungsmonopole in Wertfragen führen, haben wir in unserer Geschichte schmerzhaft erleben können.
2) Religionsfreiheit als eines der vornehmsten Menschenrechte, an deren Verwirklichung sich ein Staat messen lassen muss, wird so nicht gewährleistet. Religion muss einen festen Platz an deutschen Schulen haben, um in einer pluralen Gesellschaftsordnung Orientierung zu erleichtern.
3) Toleranz setzt zunächst die Selbstvergewisserung des eigenen Standpunktes voraus. Religion, Kultur und Lebensweise in einem vermeintlich neutralen vergleichenden Unterrichtsfach zusammen zu pferchen, erzeugt keine Toleranz, sondern fördert Orientierungslosigkeit und konsequenzlose Beliebigkeit von Werthaltungen.


11.10.2006              

Ethikunterricht verdrängt Religionsunterricht an Berliner Schulen

Im Schuljahr 2006/2007 nehmen 6.262 Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen am konfessionellen Religionsunterricht der Evangelischen Kirche und des Erzbistums Berlin teil. 5.044 Schüler besuchen in diesem Schuljahr den evangelischen Religionsunterricht, 1.218 den katholischen.

Durch die Einführung des staatlichen Ethikunterrichts ist die Anzahl der Teilnehmer am Religionsunterricht im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel zurückgegangen. Im Schuljahr 2005/2006 hatten 8.471 Schülerinnen und Schüler der siebten Jahrgangsstufe am Religionsunterricht teilgenommen. Die Zahlen beruhen auf einer Auswertung von Rückmeldungen der Religions-Lehrkräfte.

Die neuen Teilnehmerzahlen zum Religionsunterricht belegen deutlich den Zusammenhang zwischen der Einführung eines staatlichen Monopolfaches für Wertevermittlung und der Zurückdrängung des Religionsunterrichts.

Schülerinnen und Schüler haben nach dem in diesem Frühjahr eingeführten Berliner Schulgesetz keine Möglichkeit, statt des Ethikunterrichts den Religionsunterricht zu besuchen. In keinem anderen Bundesland werden junge Menschen gezwungen, an einem staatlichen Ethikunterricht teilzunehmen, ohne stattdessen einen Werte vermittelnden Unterricht der Kirchen oder anderer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften wählen zu können.

Bischof Wolfgang Huber und Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky sprechen den Schülerinnen und Schülern ihren großen Respekt aus, die am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen und damit eine Doppelbelastung ertragen, die das Abgeordnetenhaus von Berlin und der Berliner Senat hätten verhindern können.

Die Evangelische Kirche und das Erzbistum Berlin fordern weiterhin die Einrichtung eines Wahlpflichtbereichs, in dem die Schülerinnen und Schüler zwischen Ethik und Religion als gleichberechtigten Unterrichtsfächern wählen können.

Quelle: Erzbistum Berlin

04.06.2007              

„Pro Reli“ will Volksbegehren für Ethik und Religion


"Pro Reli" ist eine Initiative engagierter Berlinerinnen und Berliner. Sie setzt sich dafür ein, jungen Menschen Perspektiven für ein friedliches und tolerantes Miteinander in unserer multikulturellen und multireligiösen Weltstadt anzubieten.
Besonders in Berlin, wo Menschen aus allen Erdteilen auf engstem Raum zusammenleben, ist es "Pro Reli" ein Anliegen, dass junge Menschen gemeinsam erfahren, wie wichtig eigene Wertvorstellungen sind, um einander in Toleranz und Respekt zu begegnen.

Vor diesem Hintergrund scheint der Initiative eine Verbesserung der ethischen und religiösen Bildung in Berlin wichtig - nicht nur, aber vor allem in der Schule. Der Senat hat Ethik zu einem Pflichtfach an den Oberschulen gemacht, sicherlich ein richtiger Schritt. Doch das reicht nicht. Eine wirklich effektive Wertevermittlung setzt bei der individuellen Lebenserfahrung der Schülerinnen und Schüler an. Deshalb ist es unabdingbar, an den Schulen nicht nur eine humanistisch-säkulare Wertevermittlung anzubieten, sondern auch religiös gebundene Formen.
Daher tritt "Pro Reli" dafür ein, dass auch in Berlin Religion ordentliches Lehrfach an den Schulen wird, und zwar im Rahmen eines Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion. Dazu will die Initiative zunächst über den Religionsunterricht informieren. Darüber hinaus planen sie, zeitnah ein Volksbegehren zur Einführung eines Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion einzureichen.

EKD-Ratspräsident Bischof Wolfgang Huber und Georg Kardinal Sterzinsky haben ein deutliches Zeichen für diese Aktion gesetzt. Noch vor der Auftaktveranstaltung am 1. Juni haben sie als eine der Ersten für das Volksbegehren unterschrieben.

Die Initiative "Pro Reli" im Internet: www.pro-reli.de

Quelle: Homepage der Intiative
Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach an der Schule – der Erfolg der Initiative Pro-Reli: Ein großer Sprung für Berlin, kein Fortschritt für die alten Bundesländer
Von Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht, 19.01.2009
den Text finden Sie unter fachverband.info/texte/proReli_SH.htm

Berlin - trotz massiver Kritik Abstimmung am 26. April 09

Der Berliner Senat verkündete 17. Februar den Termin für den Volksentscheid über ein Wahlpflichtfach Religion/Ethik. Wie zu erwarten war, favorisiert der Senat trotz massiver Kritik eine Abstimmung am 26. April um so einen Erfolg von Pro Reli zu verhindern. Trotz massiver Kritik aller Oppositionsparteien will die Koalition aus SPD und Linkspartei eine Abstimmung am 26. April. Die Befürworter hatten gefordert, dass der Volksentscheid parallel zur Europawahl am 7. Juni stattfindet, um so mehr Wähler zu erreichen. Der Trägerverein von «Pro Reli» will erreichen, dass die Fächer Religion und Ethik in der Schule gleichgestellt werden. Bisher ist der Religionsunterricht in Berlin freiwillig, Ethik dagegen ein Pflichtfach. Der zusätzliche Abstimmungstermin am 26.04. kostet die Stadt Berlin 1,4 Millionen EURO.

Zollitsch - scharfe Kritik an Wowereit

Im Streit um den Religionsunterricht in Berlin hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, heftige Kritik an Berliner Politikern geübt. Er appellierte am Donnerstag zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe in Hamburg an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), die ?fast ideologisch anmutende Trickserei? aufzugeben und ?die Grundlagen politischer Seriosität? bei diesem Thema nicht zu verlassen. ?Wir hoffen, dass der Volksentscheid in Berlin ein Erfolg wird?, sagte Zollitsch.
?Ich bedaure, dass die Abstimmung nicht mit der Europawahl zusammen gelegt wurde, weil es für viele dann einfacher gewesen wäre, zur Wahl zu gehen. Ich bedaure auch, dass es offensichtlich das Anliegen des regierenden Bürgermeisters ist, die Abstimmung nach Möglichkeit zu erschweren. Nach meinem Demokratieverständnis ist das eine Einschränkung. Denn wenn Umfragen zufolge die Mehrheit der Berliner die freie Wahl zwischen Religion und Ethik will, sollte die Demokratie das beachten.? Der Berliner Volksentscheid zur Gleichstellung des Religions- mit dem Ethikunterricht findet am 26. April statt. Die Regierungskoalition von SPD und Linkspartei folgte mit dem Termin nicht dem Vorschlag der Initiatoren des Volksbegehrens ?Pro Reli? sowie von Kirchen, CDU, FDP und Grünen. Diese hatten dafür plädiert, den Volksentscheid zusammen mit der Europawahl am 7. Juni abzuhalten. Kritiker werfen der Koalition vor, durch den separaten Abstimmungstermin eine niedrigere Bürgerbeteiligung erreichen zu wollen und zugleich Mehrkosten in Höhe von rund 1,4 Millionen Euro zu verursachen.
26.04.2009

RU in Berlin weiterhin freiwilliges Zusatzangebot

pro rei Der Religionsunterricht wird in Berlin weiterhin kein reguläres Schulfach sein. Der von der Initiative «Pro Reli» initiierte Volksentscheid zur Aufwertung des freiwilligen Religionsunterrichts neben dem für alle Schüler verpflichtenden Fach Ethik ist gescheitert.
Nur rund 14 Prozent der Wahlberechtigten sprachen sich für den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach aus. Notwendig wären 25 Prozent und zugleich eine Mehrheit der Ja- Stimmen gewesen.
Der Religionsunterricht für Berliner Schüler wird damit auch künftig in den Rand- oder Nachmittagsstunden stattfinden.

 

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