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     26. Januar 2004

Maße des Menschlichen.
Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissens- und Lerngesellschaft.
Stellungnahme der AEED

Stellungnahme der AEED zur Denkschrift "Maße des Menschlichen.
Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissens- und Lerngesellschaft."
Im Auftrag des Rates der EKD hrg. vom Kirchenamt der EKD, 
Gütersloh 2003

Mit der Denkschrift "Maße des Menschlichen" meldet sich die EKD erneut zu Bildungsfragen zu Wort und zeigt damit, dass Bildung für die Kirche gerade auch heute einen hohen Stellenwert hat. Mit dem Leitthema "Maße des Menschlichen" ist ein Kernpunkt getroffen, um den es in der gegenwärtigen Debatte um Ökonomie, Leistung und humaner Menschenbildung gehen muss. Dabei stellt sich die Denkschrift für die AEED als ein grundlegender und umfassender Versuch dar, ein aus evangelischer Verantwortung getragenes Bildungsverständnis auf die Probleme der Wissens- und Lerngesellschaft und die Einsichten der neueren Kindheits- und Jugendforschung zu beziehen.

1. Die Denkschrift spricht zentrale Themenbereiche der gegenwärtigen Bildungsdiskussion in Deutschland an. Dazu gehören vor allem: Lernen und Bildung, die Qualitätsfrage, die Leistungsproblematik, die Frage nach der stärkeren Eigenverantwortung der einzelnen Schule die Dimension der Zeit im Bildungszusammenhang.

2. Ein besonderes Gewicht liegt dabei auf der Frage des Lebenslangen Lernens, die in einer bemerkenswerten Auseinandersetzung, die von den Einsichten eines christlichen Menschenbildes geleitet ist, einer kritischen Reflexion unterzogen wird. Gerade gegenüber der programmatischen Rolle, die Begriff und Sache im breiten Bewusstsein und in der politischen Debatte einnehmen, ist diese deutliche kritische Distanz bemerkenswert und hilfreich. Umso bedauerlicher ist es, dass eine explizite Auseinandersetzung mit den Programmen der Europäischen Union nicht erfolgt, wo gerade das Lebenslange Lernen zum Hauptfeld einer europäischen Bildungspolitik erklärt wurde.

3. Das zentrale Gewicht liegt zu Recht auf den beiden Kapitel "Lebenslagen und Menschenbild" und "Maße von Menschsein und Bildung - evangelische Perspektiven". Hier wird in überzeugender Weise der Versuch vorgelegt, unter Einbeziehung der erziehungswissenschaftlichen Diskussion Grundzüge eines christlichen Menschenbildes mit seinen Konsequenzen für Bildung und Erziehung zu entfalten. In diesen Passagen liegt das stärkste Moment der Denkschrift. Es wird darauf ankommen, diese Teile in die öffentliche Diskussion einzubringen und fruchtbar zu machen, wie das für den Komplex Lebenslanges Lernen versucht wird.

4. Nun fällt auf, dass dieses Ausziehen von Konsequenzen für andere Bereiche der aktuellen Bildungsdiskussion nicht mit dieser Stringenz vollzogen wurde. Es werden wohl Rahmenbedingungen sehr sachgerecht analysiert. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang der Abschnitt 4.6 "Bildungsprozesse verlangen Zeit und gesammelte Anstrengungen", der in überaus gelungener Weise ein aktuelles Problemfeld markiert. Eine Zuspitzung auf bildungspolitische Forderungen unterbleibt aber. Das gilt für weite Teile der Denkschrift, insbesondere vielleicht für den Abschnitt "Zeitgemäße Bildung", wo diese Absicht angegangen, aber nicht konsequent zu Ende geführt wird. Die Denkschrift hinterlässt den Eindruck, als habe man mit allen Mitteln eine eindeutige Aussage zu gegenwärtigen politischen Kontroversen zu vermeiden gesucht.

5. Wenn dieser Eindruck zutrifft, muss man fragen, wie dies künftig vermieden werden kann. Wenn der Rat der EKD die Expertise von Erziehungswissenschaft und Pädagogik in evangelischer Verantwortung sucht, sollte er in der Besetzung der Kammer nicht schon die politische Ausgewogenheit implementieren sondern eher die zugespitzte Aussage erbitten und diese einem öffentlichen Diskussionsprozess aussetzen. Es kann ohnedies nicht um letzte Worte gehen sondern um herausfordernde Diskussionsbeiträge. Ein Wort zur Diskussion wäre wesentlich hilfreicher als das Endprodukt eine Denkschrift, der die Zähne gezogen sind. Hinter den Prozess des gemeinsamen Sozialwortes sollte man auch im Bildungsbereich nicht zurücktreten. Dies gilt vor allem auch auf dem Hintergrund einer fehlenden öffentlichen geordneten Bildungsdebatte, die die AEED seit langem mit anderen Vertretern in der Bildungspolitik eingefordert hat und die in dem "Forum Bildung" nur eine schwache Annäherung an solche Möglichkeiten erfahren hat. Von daher würde es der evangelischen Kirche gut anstehen, einen solchen Prozess ihrerseits selbst durch Debattenbeiträge zu fördern.

6. Zu den vermissten Stellungnahmen gehören präzisere Konsequenzen zur Diskussion um die PISA-Ergebnisse, ein klares Votum zur Dominanz der Ökonomie und des einseitigen Pragmatismus in den Bildungsentscheidungen von Bund und Ländern und eine Stellungnahme zur Rolle der Bildung in Europa sowie eine nach innen gerichtete Klärung, die die Kirche selbst als Träger von Bildung in den Blick nimmt und an ihre Verantwortung erinnert.

 

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