Fachverband intern

23.03.2017

Armin Münch

Rilke und der Religionsunterricht

Ein religionspädagogisches, bildungspolitisches und philologiehistorisches Aperçu

RilkeDer Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) hatte zur Religion insgesamt ein durchaus zugewandtes Verhältnis. Man könnte sagen, sein Leben „kreise um Gott, um den uralten Turm“ (Aus dem Gedicht “Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“). (1) In seinem Prosawerk finden sich zum Beispiel die „Geschichten vom lieben Gott“, entstanden 1899, der Zeit von Rilkes Russland-Reisen. Weitere Werke wie „Das Stundenbuch“ (1905) und „Das Marienleben“ (1913) festigten seinen Ruf als religiösen Schriftsteller. Rilkes Gott ist aber nicht der Biblische oder Christliche. Nein, gegen Kirche und Christentum hatte er deutliche Aversionen. In einem Brief an seine Gönnerin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe schreibt er am 17. Dezember 1912 aus dem andalusischen Ronda: „Ich bin seit Cordoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit“. Rilke war andererseits angetan vom Islam - darin Goethe nicht unähnlich - und las im Koran. Mohammed erschien ihm wie ein mächtiger Fluss, der sich Bahn brach hin „zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden lässt jeden Morgen, ohne das Telephon „Christus“, in das fortwährend hineingerufen wird: Holla, wer dort? - und niemand antwortet.“ (2)
Dann wiederum spielen Engel eine große Rolle in Rilkes Dichtung, wie man in seinem „Duineser Elegien“ nachlesen kann. (3) „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“

Dass Rilke sich auch mit dem Religionsunterricht beschäftigt hat, ist allerdings kaum bekannt. Der Anlass ist ein Privater und hängt mit seiner damaligen Lebenssituation zusammen. Rilke hatte im April 1901 in Bremen die Künstlerin Clara Westhoff geheiratet. Am 12.12. wurde die Tochter Ruth geboren und die kleine Familie wohnte in der Künstlerkolonie Worpswede, nördlich von Bremen.

Im Frühjahr 1905 lud die Bremer „Vereinigung für Schulreform“ in einer Umfrage deutschlandweit zu Stellungnahmen ein zum Thema Religionsunterricht. Rilke antwortete rasch und schrieb im Mai/Juni eine Antwort. Gedruckt erschien dieser Brief zusammen mit weiteren Zuschriften als „Religionsunterricht? Achtzig Gutachten. Ergebnis einer von der ‚Vereinigung für Schulreform, Bremen’ veranstalteten allgemeinen deutschen Umfrage“  im Jahr 1906. Unter den Autoren waren auch namhafte Wissenschaftler und Intellektuelle wie Ernst Haeckel, Paul Heyse, Arno Holz, Alfred Kerr, Ellen Key, Ernst Mach oder Paul Natorp. 

Im Vorwort des Buches steht: „Der Kampf um den Religionsunterricht in der Schule will nicht zur Ruhe kommen … Vertreter einer praktischen, realen, nur auf das Diesseits gerichteten Weltanschauung sowohl wie die Männer, denen die Religion innerlichster, persönlichster Herzenskultus ist, fordern seine völlige Entfernung aus dem Schulplan. Aber der Staat tritt mehr als je auf die Seite der Kirche, die mit ihren überlieferten, zum Teil veralteten und oft genug unkindlichen Ideen immer noch den Lehrplan der Schule beherrscht. … Die biblischen und kirchlichen Stoffe, die von altersgrauer Zeit her in unseren Schulen weitergeführt werden, die so endlos viel Erläuterung fordern und die doch, trotz aller Lehrkünste, nur noch historischen Wert behalten, müssen fallen.“ (4)  Es heißt dann weiter, dass man sich mit Welt- und Lebensanschauungen befassen sollte, die Heldentum, Tragik, Schicksal und Lebensfreude vermitteln würden. Eine „natürliche Geistesgemeinschaft“ wie es eine Schulklasse sei, würde von Schriften der Weltliteratur mehr profitieren, da diese den biblischen an Wirksamkeit und Lebenstreue überlegen wären.

Rilkes Zuschrift beginnt so: „Ihr Schreiben beantworte ich mit meiner ganzen Zustimmung. Denn der Entschluß, zu dem die bremische Lehrerschaft mündig geworden ist, hat große Bedeutung.“ (5)

Für Rilke bedeutet die geplante Maßnahme einen Fortschritt im Zusammenhang mit einer Veränderung des Lebens insgesamt. „Denn, so seltsam es unter den gegenwärtigen Verhältnissen klingen mag, in der Schule muß das Leben sich verwandeln; wenn es irgendwo weiter, tiefer, menschlicher werden soll, so muß das in der Schule geschehen; später verhärtet es schnell in Berufen und Schicksalen, es hat nicht mehr Zeit, anders zu werden, es muß wirken so wie es ist. In der Schule aber ist Zeit und Stille und Raum; Zeit für jede Entwicklung, Stille für jede Stimme, Raum für das ganze Leben und alle seine Werte und Dinge.“

Rilke wirbt also für so etwas wie ein „ganzheitliches Lernen in der Schule“, wo nicht isolierte, „abgeschnürte“ Stoffe behandelt werden wie in einer erstarrten Sonderwelt. Dies entspricht ganz Rilkes Einsicht, die in dem berühmten Brief an den jungen Dichter auf den Punkt gebracht wird, dass die Dinge reifen und wachsen sollen und dafür Geduld und Zeit nötig ist. In der Schule ist der junge Mensch noch sozusagen plastisch und kann sich ändern, „verwandeln“.

Das Wertvolle im Leben ist zugleich das „Leiseste, Feinste, Flüchtigste“, und das lässt sich nicht als kompakter Gegenstand behandeln. Wenn dann auch die Religion - so offenbar Rilkes (Vor-)Urteil gegenüber dem Religionsunterricht - auf diese Art stoffhaft, dinghaft vermittelt und gelehrt wird, dann werden aus den beweglichsten Elementen kalte, erstarrte Klumpen. Und das ist nicht Religion.

Wahre Religion allerdings lässt sich gar nicht unterdrücken oder einmauern, sondern sie kommt so oder so zu uns, wie ein Überfall. Bedrängend, unerwartet, unangesagt. Sie hat keine Stunde und lässt sich deshalb auch nicht in einer Schul-Stunde namens Religionsunterricht einfangen. Mit anderen Worten: Religion ist unverfügbar.

Religion ist für Rilke kein Fach, sondern eine, oder DIE Dimension des Lebens. Deswegen müssten im Grunde alle Schulstunden „bedeutend weiter, tiefer und lebendiger“ sein. Also religiös.

„Alles Wissen, das die Schule zu vergeben hat, müsste herzlich und groß gegeben sein, ohne Beschränkung und Vorbehalt, absichtslos und von einem ergriffenen Menschen. Da müssten alle Fächer vom Leben handeln, als von dem einen Gegenstand, der mit allen anderen gemeint ist. Dann würden sie auch immer wieder mit ihrem Äußersten an die großen Zusammenhänge reichen, aus denen unerschöpflich Religion entsteht.“

Rilke schwebt wohl so etwas wie eine allgemeine, natürliche Religiosität vor, die als Haltung gegenüber allen menschlichen Bereichen wie ein Integral der einzelnen Disziplinen in Erscheinung tritt. Dadurch wird der spezielle (kirchliche) Religionsunterricht überflüssig.

„Der ganze Unterricht muß, von diesem Augenblicke an, sich verändern: an Stelle der Überlegenheit, die den Lehrenden von den Kindern entfernt, tritt eine neue Zusammenfassung und Einheit. Denn, daß vor dem Ewigen und Unsagbaren nun keiner mehr der Wissende und Gebende ist, sondern beide Teile, wo es sich um das Größte handelt, Demütige sind und Empfangende, das ist ihre lebensgroße Gemeinsamkeit und ihre gemeinsame Arbeit.“  

Rilkes Schreiben endet mit einem Hinweis auf ein schwedisches Schulexperiment, nämlich der „Samskola“ in Gothenburg, wo seiner Meinung nach der Religionsunterricht erfolgreich aufgelöst worden sei. Eine Behauptung, die wohl nicht den Tatsachen entspricht, da der damalige Rektor den formalen Religionsunterricht beibehalten hatte. (6)  

Was Rilkes Ausführungen auch für unsere Zeit interessant macht, ist seine von Vorurteilen geprägte Sicht auf den RU als kirchlich dominierte, veraltete, lebensuntaugliche Wissensvermittlung. Diese Meinung ist, teilweise vielleicht nicht ganz unbegründet, in großen Teilen der Bevölkerung auch heute noch verbreitet, trifft aber auf den aktuellen RU größtenteils nicht mehr zu.

Der Optimismus, ohne Religion wäre alles besser, ist leider ein ebenso verbreiteter vulgär-aufklärerischer Habitus. Genauso die humanistisch-künstlerische Meinung, alles sollte zu „Religion“ werden und Lehrer und Schüler seien gleichwertige Partner angesichts der Transzendenz. Keine Wissensvermittlung, sondern nur noch Begleitung und Anleitung seien angemessen. Auch dies vielleicht eine Reaktion auf kalten, leidenschaftslosen, weltfremden Frontalunterricht, den jetzige Erwachsenen aus ihrer Schulzeit erinnern.

Was aber bei Rilke auch aufscheint ist an anderer Stelle doch die positive Betonung der Rolle des Lehrers. Dieser sollte ein „ergriffener“ Mensch sein und seinen Unterricht lebendig, herzlich und „groß“ erteilen. Der Unterricht selber sollte unbeschränkt, vorbehaltlos und absichtslos erteilt werden. Denn einen direkten Unterrichts-Gegenstand könne es gar nicht geben, da das Heilige, das Innerste, Tiefste, das Leben unsagbar und unverfügbar sei und sich nur - sozusagen - „ereignen“ könne.

Ein Religionsunterricht aus persönlicher Distanz zum Thema, also eine Religionskunde (LER) mit dem Blick von außen entspricht in keiner Weise dieser Forderung des engagierten, bekennenden, „ergriffenen“ Lehrers, der aus seiner Überzeugung heraus in klar erkennbarer und befragbarer Positionierung lehrt und urteilt. Er kann dann durchaus auch „über“ Religion dozieren, also die Sicht von außen einnehmen. Und zwar nicht nur zu den anderen Religionen, sondern auch zu seiner Eigenen. Denn es ist ein Spezifikum der christlichen Religion, dass sie implizit Religionskritik enthält, dass das (auch kritische) Verhältnis zu sich selbst ein Wesenszug der christlichen Religion ist. Man kann ja das Christentum tatsächlich als ein Selbstverhältnis (nach Kierkegaard) definieren. Demnach ist ihr die Ambiguität von Innensicht und Außensicht von vornherein mitgegeben.

Inwiefern Rilkes Haltung gegenüber dem Religionsunterricht einzubetten ist in die pädagogischen Reformbewegungen der damaligen Zeit - man denke an die schwedische Reformpädagogin Ellen Key mit ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ von 1902 - sei weiteren Untersuchungen vorbehalten.

Ein weiterer Aspekt ist die Sonderrolle, die die Stadt Bremen in der aktuellen Bildungspolitik einnimmt. (So genannte „Bremer Klausel“, Artikel 141 GG). Ob und wie dies mit der Bremer Umfrage von 1905 zusammenhängt, müsste eruiert werden.  

1 Siehe dazu: Schiwy, Günther: Rilke und die Religion, Frankfurt (Insel) 2006; Braungart, Wolfgang: Literatur und Religion in der Moderne, Paderborn (Wilhelm Fink) 2016; zu Rilke S. 263-332; Fischer, Norbert (Hg.): „Gott“ in der Dichtung Rainer Maria Rilkes, Hamburg (Meiner) 2016.

2 Rilke in Spanien. Gedichte, Briefe, Tagebücher, hg. von Eva Söllner, Frankfurt (Insel) 1993, S. 55f. Speziell zu Rilkes Christus-Verständnis: Stapper, Norbert: Rainer Maria Rilkes Christus-Visionen. Poetische Bedeutungen und christopoetische Perspektiven, München (Grünewald) 2010.

3 Rösch, Perdita: Die Hermeneutik des Boten. Der Engel als Denkfigur bei Paul Klee und Rainer Maria Rilke, München (Wilhelm Fink) 2006.

4 Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, Band 4: Schriften, Frankfurt (Insel) 1996, S. 988.

5 AaO, S. 585.

6 AaO, S. 986.


Zur Geschichte des Bremer RU:
Manfred Spieß. Vom Biblischen Geschichtsunterricht zum Fach Religion in Bremen (pdf)
dort: 1.2 „Religionsunterricht gehört abgeschafft“: Der Bremer Schulstreit von 1905

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