(Auszug aus einem Interview auf evangelisch.de | Autorin: Katrin von Bechtolsheim)
Wie benutzt man ChatGPT evangelisch?
Tobias Jarzombek-Guth: Es gibt aus meiner Sicht keinen spezifisch evangelischen Umgang mit KI, wohl aber eine Verantwortung, die sich aus unserem evangelischen Bildungsverständnis ableitet. Eine evangelische Schule kämpft mit denselben Fragen wie jede andere: Welches KI-System darf im Klassenzimmer genutzt werden? Wie können Prüfungsleistungen unter dem Eindruck von KI bewertet werden? Wie gehen wir verantwortungsvoll mit Daten um?
Schauen wir auf den ganz konkreten Schulalltag: Viele Schüler:innen lassen ChatGPT ihre Hausaufgaben schreiben. Haben wir ein neues Schummelproblem?
Jarzombek-Guth: Die Nutzung von KI bei Hausaufgaben oder Prüfungsleistungen ist eine berechtigte Sorge. Aber es reicht nicht aus, das Problem dadurch zu charakterisieren, dass Schüler:innen sich regelwidrig verhalten.
Die Debatte legt etwas offen, das schon vorher da war: Ein großer Teil dessen, was unter "Hausaufgabe" subsummiert wird, ist eine reine Produktkontrolle. Lehrkräfte sammeln Ergebnisse ein und schließen daraus auf einen Entstehungsprozess, den sie nie gesehen haben. Dieser Rückschluss funktioniert heute nicht mehr. Ehrlicherweise funktionierte er auch früher schon nicht, denn "Eltern-GPT" gab es schon vor dem 30.11.2022. Und wer über die entsprechenden Mittel verfügt, konnte sich schon immer durch Nachhilfe einen Wettbewerbsvorteil einkaufen.
Wir haben es also weniger mit einer Krise durch das Schummeln von Schüler:innen als mit einer Krise der Aufgabenformate zu tun. Aufgaben müssen heute darauf ausgerichtet sein, Prozesse sichtbar zu machen.
Am besten gestalten wir diesen Wandel mit den Schüler:innen gemeinsam. Neue Aufgabenformate sollten Lebensweltbezug, akademische Herausforderung, Prozesssichtbarkeit und individuelle Verantwortung verbinden. Dazu gehört auch der bewusste Einsatz oder Verzicht auf KI.
Und wie sieht es auf der anderen Seite aus? Sie entwickeln mit 15 Schulen einen Online-Kurs zur "AI-Literacy". Wie gehen die Lehrkräfte mit KI um?
Jarzombek-Guth: Da wir mit dem Projekt gerade starten, zeigen sich in den Vorgesprächen verschiedene Muster. Es gibt eine kleinere Gruppe, die gerne Neues ausprobiert und als Early-Adopters vorangeht, einen großen Mittelteil, der interessiert-abwartend ist, und eine kleinere Gruppe, die lieber gewohnte Strukturen beibehalten möchte.
Die Trennlinie verläuft nicht unbedingt zwischen technikaffinen und technikfernen Lehrkräften. Entscheidend ist eher, ob jemand schon einen Moment erlebt hat, in dem KI das eigene berufliche Selbstverständnis berührt hat.
KI wird schon jetzt mehr genutzt, als über sie systematisch geredet wird. Viele Lehrkräfte arbeiten längst mit KI, nur still und für sich. Diese Heimlichkeit oder "Schatten-KI" ist das eigentliche Problem, denn sie verhindert, dass ein Kollegium gemeinsam lernt. Was oftmals fehlt, ist nicht die spezifische Kompetenz, sondern die Erlaubnis und ein Ort des Ausprobierens.