Arbeitskreis
der Religionslehrerverbände

  in Baden-Württemberg

Wie viel Christentum braucht das Land?
Ein Tagungsbericht
von
Horst Gorbauch


Um es vorweg zu sagen: Die von Dr. Stefan Meißner für den Arbeitskreis der Religionslehrerverbände in Baden-Württemberg und von Dr. Heinz-Hermann Peitz für die Akademie in Hohenheim ebenso aufwändig (zwölf Referenten und Podiumsteilnehmer) wie überzeugend und klug konzipierte Tagung war ein voller Erfolg. Auffällig war das hohe Interesse von Personen aus der kirchlichen Schulverwaltung: Werner Baur (der auch Referent war) hatte aus dem Oberkirchenrat zwei Direktoren mitgebracht; auch der Leiter des Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Evangelischen Landeskirche Württemberg war dabei, ebenso wie zwei Vertreter des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg und Dr. Winger von der Hauptabteilung Schulen in Rottenburg. Auch sieben evangelische und katholische Schuldekan/innen nahmen an der Tagung teil. Dass sich so mitten in den Faschingsferien (11. – 12. 2.) insgesamt 76 Personen nach Hohenheim aufmachten, ist schon bemerkenswert.

            Den Anfang der Referenten machte Dr. Axel-Bernd Kunze, Privatdozent an der Universität Bonn und Dozent für Pädagogik und stellvertretender Schulleiter an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt (und Inhaber verschiedener Lehraufträge anderswo). Zunächst machte er die Bedeutung des Letztbezugs der Verfassung („Erziehung in Ehrfurcht vor Gott“) für den Bildungsauftrag deutlich (z. B. gegen Neutralisierung religiöser Traditionen im öffentlichen Raum: Vgl. „Lichterfest“ statt „St. Martin“ im Kindergarten); dann benannte er einige religionspolitische Herausforderungen für den Bildungsbereich in einer pluralen Gesellschaft (z. B. fand er eine wechselseitige Verschränkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung für die Kinder existenziell wichtig; Folgerung: es braucht einen starken konfessionellen RU). Schließlich wies er, in kritischem Bezug auf den neuen Bildungsplan, auf den Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz hin: Toleranz meine gelten Lassen des anderen bei gleichzeitiger Ablehnung; Akzeptanz verlange positiven Zuspruch.

            Ernst Schüly vom Kultusministerium stellte in seinem ersten, sehr informativen Beitrag noch einmal dien rechtlichen Rahmen des konfessionellen RU dar und gab einiges zur Statistik bekannt. So wies er auf die hohe Teilnahme der Schüler am RU hin (allerdings leicht rückläufig: 2013/14 71,7 %, 2014/15 70,7%). Das Prinzip der Konfessionalität bedingt ein immer zahlreicheres Angebot an Religionsunterrichten: Es gibt jetzt außer dem evangelischen und dem katholischen einen altkatholischen, einen syrisch-orthodoxen, einen jüdischen und einen alevitischen Lehrplan; ab 2016/17 soll es auch einen orthodoxen geben. Gelobt und mit eindrucksvollen Prozentzahlen belegt wurde das außerunterrichtliche Engagement der Religionslehrer/innen für Schülergottesdienste, Umgang mit Tod und Trauer, Tagen der Orientierung u. ä. Interessant war auch die Aufklärung darüber, an welchen Stellen im Ethikunterricht das Thema Religion auftaucht (an nicht allzu vielen).

            Nach der Kaffeepause gab’s ein Podiumsgespräch zum Thema der Tagung. Hier gehe ich nur auf das breit gefächerte Spektrum der Teilnehmer ein: Pastor Steffen Beck eröffnete die Runde – ein Vertreter der Freikirchen (der evangelischen Allianz in Karlsruhe). Kurt Schatz ist evangelischer Schuldekan, Emina Corbo-Mesic Lehrbeauftragte für die Ausbildung islamischer Lehrer/innen. Von Dr. Michael Schmidt-Salomon, dem Vertreter der humanistischen Union und selbst ernanntem „advocatus diaboli“ der Runde, sei doch ein Satz zitiert: Er wollte die Frage der Tagung abändern in: „Wie viel Christentum verträgt das Land?“. Ihm folgte Oberkirchenrat Werner Baur.

            OKR Baur sprach, im letzten Beitrag vor dem Abendessen, über die Auseinandersetzung um den baden-württembergischen Bildungsplan und die Wortmeldung der Kirchen dazu. Er erteilte dem Plan die Note „insgesamt gut“. Die Auseinandersetzung um die Forderung nach Akzeptanz sexueller Vielfalt habe überzogene Aufmerksamkeit gefunden; er sprach von einem „medialen Hype“. Wichtiger schien ihm eine vorsichtige Distanzierung von dem hoch individualistischen, konstruktivistischen Bildungsverständnis des Plans. Nicht nur Umgang mit Heterogenität sei wichtig, sondern auch Förden von Sozialität.

            Nach dem Abendessen sprach Ministerialrat Schüly über das Modellprojekt islamischer Religionsunterricht, das er für das Kultusministerium begleitet und das ihm zu einem Herzensanliegen geworden ist. Das Projekt unterscheidet sich von einem regulären RU dadurch, dass es keinen Ansprechpartner des Ministeriums im staatskirchenrechtlichen Sinn gibt. Der Lehrplan ist deswegen von Lehrer/innen und Vertretern der Universität erarbeitet worden, ohne Mitwirkung der Vereine der Religionsgemeinschaften. Als Unterrichtende werden nur Personen mit einer Ausbildung als Lehrer (auch nur eines anderen Fachs) zugelassen; Ausbildungsmöglichkeiten zum islamischen Religionslehrer gibt es in Ludwigsburg, Karlsruhe und Weingarten. Damit ein solcher Unterricht eingeführt werden kann, müssen Gesamtlehrerkonferenz, Schulkonferenz und Schulträger zustimmen. Jetzt nehmen an dem Projekt Schulen aller Schultypen teil (auch drei Gymnasien); das Projekt ist zum zweiten Mal bis 2018 verlängert worden. In diesem Schuljahr werden an knapp 70 Schulen durch über 60 Lehrerinnen (und wenige Lehrer) knapp 4000 Schüler/innen unterrichtet. – Interessant war auch, dass von sehr positiven Reaktionen der Beteiligten berichtet werden konnte: Die Eltern sind sehr dankbar für das Angebot, sie fühlen sich dadurch gewürdigt und entwickeln einen neuen Bezug zur Schule (Teilnahme an Schulfesten, Klassenfahrten usw.). Auch die Sprachkompetenz der Schüler/innen habe sich verbessert. – Dr. Abdelmalek Hibaoui, Mitarbeiter am Zentrum für islamische Theologie an der Universität Tübingen, bestätigte und ergänzte diese Ausführungen in einem Kommentar.

            Am Samstag ging’s nach einem Morgenimpuls von Kurt Schatz in der fast zu gut gefüllten Kapelle der Akademie weiter mit einer „Stimme aus der Wirtschaft“: Günter Veit, Chef eines mittelständischen Unternehmens (400 Mitarbeiter, Präsenz u. a. in Indien, Bangla Desh, Indonesien und China – also erfahren im Umgang mit Mitarbeitern anderer Religion), überzeugter Christ, unterstützt die bekannte These des ehemaligen Richters am Bundesverfassungsgericht, Ernst-Wolfgang Böckenförde: Religion ist Voraussetzung für Werte, die eine Gesellschaft ohne sie nicht schaffen kann. „Warum ist Christentum gut für die Wirtschaft?“, diese Frage lässt sich für ihn deshalb einfach beantworten: Wenn das Verhältnis der Teilnehmer am Wirtschaftsprozess von Vertrauen geprägt ist, weil man Grundüberzeugungen und Werte wie z. B. Ehrlichkeit teilt, gewinnt dieser Prozess an Geschwindigkeit, und die Kosten dafür gehen herunter. Sein Beispiel: die Kosten für die Flugsicherheit an den Flughäfen seit dem Akutwerden der Gefahr von Terroranschlägen. – Von daher ist Veits Klage über die Entchristlichung der Gesellschaft auch aus ökonomischer Perspektive verständlich.

            Nach dem Kaffee referierte Dr. Peter Schreiner über die vielfältige Landschaft der Religionsunterrichte in den Staaten Europas. Nur in sehr wenigen Ländern (Albanien, Frankreich, Mazedonien, Montenegro, einigen Schweizer Kantonen und in Slowenien) gibt es gar keinen RU; sonst kann man die Erscheinungen in drei Grundformen einteilen: konfessioneller RU, von den Religionsgemeinschaften verantwortet, Wahlfach oder Wahlpflichtfach – in Kooperation von Staat und Kirche erteilter RU, der nicht mehr unbedingt konfessionell sein muss – vom Staat verantwortete, nicht-konfessionelle Religionskunde als Pflichtfach. Der Vortrag wurde immer wieder von Anfragen unterbrochen; so erhielten wir in gut anderthalb Stunden jede Menge spannender Informationen.

            Nach dem Mittagessen informierte uns Peter Scheiger, der Schulleiter des St. Meinrad Gymnasiums in Rottenburg, über den Marchtaler Plan. Freundlicherweise sprang er für den erkrankten Harald Häupler, Stiftungsdirektor der Stiftung kath. Freie Schulen der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ein.

            Den Abschluss bildete eine Gruppenarbeit, deren Ergebnisse gemeinsam besprochen wurden. Vor allem das „Fenstermodell“ der Heidelberger Religionspädagogin Katja Boehme fand so großes Interesse, dass man ein wenig über das vorgesehene Ende von 16:30 beisammen blieb. Ihr Vorschlag läuft darauf hinaus, dass sich der konfessionelle Unterricht auf 75% des Jahres beschränkt. In den restlichen 25% sollen alle Gruppen zusammenkommen und einander Ergebnisse des Unterrichts vorher vorstellen. Es wurden auch weniger aufwändige Formen der Zusammenarbeit (vorübergehender Lehrertausch, gemeinsame Vorbereitung interreligiöser Feiern …) besprochen.

            Wer sich näher interessiert, kann die Podiumsdiskussion im Internet anschauen: www.youtube.com/watch?v=CO-NmLZXFBg. - Es gibt auch ein Interview von Heinz-Hermann Peitz mit Michael Schmidt-Salomon, das am Rand der Tagung entstanden ist: www.forum-grenzfragen.de/schmidt-salomon-als-dawkins-for-kids-ein-interview-mit-klarstellungen/

Stefan Meißner hat im Anschluss an die Tagung vier Anforderungen formuliert, mit denen sich der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände in Baden-Württemberg in der nächsten Zeit beschäftigen will:

1. Guter Religionsunterricht braucht überzeugende Religionslehrerpersönlichkeiten. Wie erfolgt die Personalauswahl, und sind die Arbeitsbedingungen im Beruf so, dass Religionslehrer mit Ausdrucksstärke diese durchhalten können? Der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände wird auf seiner Tagung im April die Bearbeitung dieses Themas weiter ausgestalten.

2. Zeitgemäßer Religionsunterricht braucht interreligiöses Begegnungslernen in der Fächergruppe Religion-Ethik. Der Arbeitskreis der Religionslehrerbände wird nach der Klärung des Formates das Gespräch mit der INTERKO/ den Landeskirchen im Blick auf eine feste Verankerung des interreligiösen Begegnungslernens an den Schulen suchen.

3. Bildungsbegriff, Menschen- und Weltverständnis im neuen Bildungsplan. Der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände wird (voraussichtlich zusammen mit den großen Lehrerverbänden) für einen Ort sorgen, an dem Interessierte über Gestalt, Einführung und Umsetzung der neuen Bildungspläne im Gespräch bleiben können.

4. Modellprojekt Islamischer Religionsunterricht. Der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände wird (zusammen mit der Staatlichen Schulverwaltung) für einen Ort sorgen, an dem Interessierte über Gestaltung, Einführung und Umsetzung im Gespräch bleiben können. Ein erster Termin ist im Oktober/November 2016 vorgesehen.